"Ich bleibe so vielfältig wie möglich!"

Interview mit dem in verschiedenen Sparten etablierten Künstler Henrik Wager, der zurzeit in der Essener "Chess"-Produktion zu sehen ist


Henrik Wager als Frederick Trumper im Musical "Chess"
Fotos: Harald Reusmann, Essen


Musicals Unlimited: Auf der Bühne spielen Medien und Interviews in jeder 'Chess'-Vorstellung eine große Rolle. Hat man da als Künstler überhaupt noch Lust, sich realen Interviews zu stellen?

Henrik Wager: Interviews können interessant für Künstler sein, aber es hängt ein bisschen von den Fragen ab. Ich habe so viele Interviews in meinem Leben gegeben. Wenn ein Interview nur aus reiner Verpflichtung gemacht wird, dann lohnt es nicht, aber wenn es eine Chance ist, über meine Ideen oder meine Arbeit zu sprechen, ist es viel interessanter. Als Künstler konzentriere ich mich hauptsächlich auf meine Arbeit, und die Presse ist nicht so wichtig - also genau das Gegenteil zu Freddie Trumper in 'Chess'. Ich bin kein Celebrity und brauche deswegen keine oberflächliche Reportage, sondern ich habe es lieber, wenn meine Arbeit für mich spricht.


Musicals Unlimited: Haben Sie privat irgendeine Beziehung zum Schachspiel? Haben Sie sich bei der Vorbereitung auf das Musical 'Chess' auch mit dem Brettspiel beschäftigt?

Henrik Wager: Ich habe gespielt, als ich jünger war. Das Stück hat mein Interesse an Schach jetzt wieder geweckt. Ich habe ein bisschen mit meinem Computer Schach gespielt und mit meinem Nachbarn, der ein Schachwunder ist, gesprochen. Schach ist ein fazinierendes Spiel. Im Stück 'Chess' ist das Schachspiel eigentlich nur ein Hintergrund für die Figuren, um ihre menschliche Geschichte zu erzählen. Wir im 'Chess'-Ensemble haben alle befürchtet, dass vielleicht Leute im Publikum sitzen, die unser Schachspiel auf der Bühne kritisieren werden. - Nebenbei bemerkt: Wir zeigen auf der Bühne richtige Spiele von Schach-Champions. -  Das Stück ist aber nichts für solche Leute.


Musicals Unlimited:  Haben Sie schon einmal eine Rolle in 'Chess' gespielt oder sonst irgendwie Kontakt zu dem Stück gehabt?

Henrik Wager: Ich hatte bis zu dieser Produktion nur als Kind die Lieder 'One night in Bangkok' und 'I know him so well' gehört und eine DVD der Stockholmer Produktion gesehen. Ich war sofort begeistert von der Musik und zunächst enttäuscht von der Geschichte. 'Chess' war am Anfang ein Konzeptalbum und ist mit ein paar gesprochenen Szenen auf die Bühne gebracht worden. Obwohl das mit 'Jesus Christ Superstar' (Librettist bei beiden Stücken: Tim Rice, Anm. d. Red.) sehr gut funktioniert hat, ist es mit 'Chess' schwieriger. Die Geschichte alleine kann schon interessant sein, aber alles in einem so kurzen Stück rüber zu bringen, ist schwerig. Ich denke, in Essen haben wir das durch die Inszenierung von Paul Kribbe und James de Groot sehr gut gemacht.


Musicals Unlimited: Wie haben Sie Zugang zu Ihrer Rolle als Frederick Trumper bekommen: in erster Linie durch die Musik, eher durch den Text, oder wie erarbeiten Sie sich eine Rolle?

Henrik Wager: Zuerst habe ich für mein Rollenverständnis nur die Lieder und ihren Text angehört. Ich habe mich gefragt: 'Was für ein Mann könnte solche Lieder singen und warum.' Von dort aus habe ich einen tieferen Charakter aufgebaut. Ich habe eine Figur kreiert, die zu den Liedern passt und nicht versucht, die Lieder meiner Figur anzupassen.


Musicals Unlimited: Was reizt Sie am Charakter des Frederick Trumper?

Henrik Wager: Ein großes Thema in 'Chess' ist Eigenverantwortung, und das gilt für beide, Freddie Trumper und Anatoly Sergievsky. Freddie hat einen Schutzmechanismus entwickelt. Er übernimmt selbst keine Verantwortung, sondern beschuldigt seinen Vater, seine Mutter, seine Freundin und eigentlich all die Leute die, gut oder schlecht, etwas für ihn getan haben. 'Pity the child' ist ein Versuch zu erklären, was mit ihm los ist, dass ihn keiner genug geliebt hat. Aber es ist wie ein Teufelskreis. - Kein Mensch kann ihn lieben, weil er das nicht erlauben kann oder will. Der Film 'Good Will Hunting' hatt viel mit diesem Thema zu tun. Aber das Stück 'Chess' bietet nicht die Möglichkeiten, tiefer in Freddies Charakter zu graben. - Leider...


Musicals Unlimited: Sie haben mit Serkan Kaya, der den Anatoly Sergievsky in 'Chess' spielt, bereits in 'Jesus Christ Superstar' gemeinsam auf der Bühne des Aalto-Theaters gestanden. Hat das die Arbeit an 'Chess' einfacher gemacht?

Henrik Wager: Ich liebe es, mit Serkan zu arbeiten! Wir haben durch unsere Zusammenarbeit bei 'Jesus Christ Superstar' tiefen Respekt und Verständnis füreinander. Obwohl 'Chess' keine großen Szenen zwischen uns hat, was für uns beide schade ist, werden wir durch die Erfahrung mit Regisseur Michael Schultz bei 'Jesus Christ Superstar' meiner Meinung nach immer sehr gut und erfolgreich zusammen arbeiten können.


Musicals Unlimited:
Können Sie etwas über Ihre Projekte neben bzw. nach 'Chess' erzählen? Womit sind Sie beschäftigt?

Henrik Wager: Ich arbeite momentan in Ulm mit Regisseur Werner Pichler an einer 'Jesus Christ Superstar'-Inszenierung. Premiere ist am 23. Oktober. Das wird eine interessante Produktion! Es ist schön, neue Aspekte in der Rolle von Jesus zu finden. Außerdem bin ich mit der 'TV total'-Band 'Heavytones' und dem 'Tapefive'-Musikprojekt beschäftigt und schreibe immer wieder Songs mit unterschiedlichen Leute zusammen. Ich bleibe so vielfältig wie möglich!
(22.09.2008)