Sylvester Levay gibt Auskunft:

Der Erfolgskomponist zur Entstehung von "Marie Antoinette", seiner Zusammenarbeit mit Autor Michael Kunze und zu Filmmusik


Komponist Sylvester Levay
Alle Fotos: Pressekonferenz 1.9.2008, © Musicals Unlimited


Das folgende Interview wurde am 01. September 2008 im Rahmen der Pressekonferenz im Bremer Theater am Goetheplatz geführt.


Musicals Unlimited: Herr Levay, Sie und Michael Kunze sind ein eingespieltes Team. Wer von Ihnen kommt normalerweise zuerst auf die Idee zu einem neuen Musical, und wie war es bei 'Marie Antoinette'?

Sylvester Levay: Normalerweise kommt Michael auf Stoffideen, und dann reden wir darüber. Im Fall von 'Elisabeth' hat er erst gedacht, er schreibt über Rudolf, und dann hat er entdeckt, das die Kaiserin interessanter wäre. Dann hat er die Ideen entwickelt und mich darauf angesprochen. Meistens ist es so. Den Stoff von 'Rebecca' haben wir in Los Angeles gemeinsam ausgesucht. Die Idee zu 'Marie Antoinette' kam eigentlich von unseren japanischen Partnern. Die Welturaufführung fand ja in Tokio statt. Die Grundlage war nicht nur eine historische, sondern auch ein fiktiver Roman des japanischen Schriftstellers Endo, der ein Spiegelbild von Marie Antoinette in diesem jungen Bettlermädchen Margrid eingebaut hat.


Musicals Unlimited: Wie lange hat es bei 'Marie Antoinette' von der ersten Idee bis zur Welturaufführung in Tokio gedauert?

Sylvester Levay: Viereinhalb Jahre. Bei 'Elisabeth' hat es fünf Jahre gedauert, bei 'Mozart!' sechs Jahre, bei 'Rebecca' auch. Zwischen vier und sechs Jahren dauert das immer. Michael und ich machen das gezielt so, weil wir nicht sagen: 'Wir müssen schnell was auf den Markt bringen', sondern wir schreiben Segmente, und dann lassen wir sie ein bisschen liegen. Nach ein paar Wochen kommen wir darauf zurück und überprüfen, ob sie bei uns noch wirken. Dabei stellt man sehr oft fest, dass sich das eine oder andere als Fremdkörper anfühlt. Dann muss man das herausnehmen, und das Stück wieder neu bearbeiten. Deshalb ist dieser Zeitraum von vier bis sechs Jahren Michaels und meiner Ansicht nach notwendig.


Musicals Unlimited: Was war beim Komponieren von 'Marie Antoinette' die größte Herausforderung?

Sylvester Levay: Das war die Figur der Marie Antoinette, die Königin selber. Die Figur der Margrid, die erniedrigt wurde, in ärmlichen Vehältnissen gelebt hat und dann aus Hass Revolutionärin geworden ist, hat mich sofort angesprochen. Marie Antoinette ist eine komplexe, schwierige Person, ein verwöhntes Kind, Tochter der Kaiserin Maria Theresia. Sie wurde dann einfach mit 14 oder 15 als Braut nach Frankreich verkauft und platzte in diese französische Welt herein. Sie hatte einen jungen, sympathischen Mann, der aber zu dieser Zeit nicht fähig war, die Ehe zu vollziehen. Sie ist dann - um es in moderner Sprache auszudrücken - ein bisschen ausgeflippt. Darauf sind dramatische Geschehnisse gefolgt, die dann ihr Leben sehr, sehr dunkel gemacht haben. Zum Schluss kam bei ihr die Erkenntnis. Das zu fassen war für mich die größte und schwierigste Aufgabe, denn ich fange nicht an zu komponieren, wenn ich nicht in der jeweiligen Szene oder beim Charakter spüre, was ich da ungefähr verfolgen muss.


Musicals Unlimited: Wir nehmen einfach einmal an, weil es eigentlich immer so ist, dass zwischen der japanischen und der Bremer 'Marie Antoinette'-Fassung deutliche Unterschiede sind...

Sylvester Levay: Wesentliche! Sie kommen zunächst einmal schon dadurch zu Stande - und das betrifft auch 'Elisabeth', 'Mozart!' oder 'Rebecca' -, dass es in Japan einiges mehr an Erklärungen bedarf. Die japanische Sprache ist nicht aus Wörtern, sondern aus Bildern zusammengesetzt, und das verlangt von uns eine zusätzliche Erweiterung des Stücks. In Europa können wir die Handlung der Geschichte wesentlich kürzer ausdrücken und das Stück wird auf Grund der Sprache auch musikalisch prägnanter.


Musicals Unlimited: Inwieweit werden Sie die Bremer Produktion hier vor Ort begleiten?

Sylvester Levay: Michael und ich haben die Umarbeitung, die Rückübersetzung auf Deutsch vor einem dreiviertel Jahr angefangen. Ich arbeite seit fast einem Jahr nur an 'Marie Antoinette'. Die Klavierstimme ist fertig, das Buch haben wir auch fertig. Jetzt im Herbst mache ich die Partitur, denn die muss ich auch an die neue Fassung angleichen. Ich bin hier auch bei den Auditions gewesen und bei der Orchesterbesetzung bin ich hier, und vom ersten Tag des Probenbeginns an bin ich dann die meiste Zeit in Bremen.


Musicals Unlimited:  Haben Sie bei all der Arbeit noch andere Projekte, die Sie bearbeiten?

Sylvester Levay: Keinesfalls, weil ich jetzt die Zeit für 'Marie Antoinette' brauche, und die nehme ich mir auch gerne.

Musicals Unlimited: Darüber hinaus guckt man jetzt wahrscheinlich noch nicht weit...

Sylvester Levay: Erst nach der Premiere von 'Marie Antoinette'. Meine anderen Dinge sind im Augenblick in der Schublade, und es tut mir nicht weh, denn ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich mir jetzt die Zeit nehme, alles für Bremen richtig vorzubereiten.


Musicals Unlimited:  Jetzt machen Sie nicht nur Musicals. - Wir sind kürzlich wieder daran erinnert worden, weil einer unserer Lieblingsfilme, 'Hot Shots', im Fernsehen lief, und da steht ja auch Ihr Name auf der Filmmusik. (Sylvester Levay reagiert freudig überrascht.) Daher kommt jetzt die Frage, ob es Gemeinsamkeiten zwischen dem Komponieren von Filmmusik und dem Schreiben von Musicals gibt.

Sylvester Levay: Absolut! Ich möchte sagen, dass ich keinen Tag von den zwanzig Jahren Hollywood missen möchte - besonders nicht aus meinem Berufsleben - gerade im Hinblick auf Musicals. Das, was ich in Hollywood gelernt habe, konnte ich teilweise ins Musical übertragen, und zwar das, dass ich nicht einfach eine Kette von Liedern schreibe und fertig bin, sondern dass ich musikalische Themen schreibe, die sich durch das ganze Werk hindurchziehen. Ich habe sehr, sehr viel beim Film darüber gelernt, emotionale, themenbezogene Musik zu schreiben. Bei einer Filmproduktion steht die Musik nicht so sehr im Mittelpunkt wie beim Musical, aber ich mache trotzdem sehr gerne Filme.

Musicals Unlimited: Also ist das auch für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Sylvester Levay: Absolut nicht, aber dann muss es schon entweder etwas richtig Verrücktes wie 'Hot Shots', eine schöne Thematik oder so etwas wie die Verfilmung von 'Elisabeth' sein. Dafür würde ich mir so viel Zeit wie notwendig nehmen, um das musikalisch zu überwachen, damit nicht irgendein Kitsch, sondern etwas Richtiges dabei herauskommt.

Musicals Unlimited: In letzter Zeit gab es ja einige Musicalverfilmungen. Warum sollte es nicht also auch 'Eliabeth' geben?

Sylvester Levay: Ja, drücken Sie uns die Daumen!