"Sommernacht des Musicals IX" in Dinslaken

The same procedure as every year


Ein Bericht von Norbert Püschel


"Dinner for One" aus dem Jahr 1963 ist Kult; es an Silvester zu sehen ein Ritual. Die "Sommernacht des Musicals" im Rahmen des "Fantastivals" in Dinslaken hat diesen Status bei der diesjährigen 9. Ausgabe auch schon erreicht, und wie bei "Dinner for One" wurde das Publikum wieder gut unterhalten, auch wenn - oder gerade weil -  es in der Besetzung und im Ablauf praktisch keine Neuerungen gab.

Moderiert wurde der Abend wie gehabt von Thomas Bauchrowitz und dem musikalischen Leiter Bertram Ernst, der im letzten Jahr nicht am Klavier saß, in diesem Jahr aber auch in seiner Funktion als Pianist wieder dabei war. - Und die beiden hatten wieder eine namhafte Gruppe von Musicaldarstellern auf der Bühne: die "Sommernachts"-Wiederholungstäter Ethan Freeman, Andreas Bieber, Jessica Kessler und Peti van der Velde, ferner das erste Mal bei der "Sommernacht" zu sehen: Serkan Kaya und Pia Douwes.

Zum Ablauf: Es ist mittlerweile Tradition bei der "Sommernacht", dass vor dem eigentlichen Programm eine Gruppe von Amateuren oder noch nicht so bekannten Künstlern die Chance bekommt, sich zu präsentieren. In diesem Jahr war dies die Cast des neuen Musicals "Jinai" von Marco Chimienti, die ihr Stück in einem halbstündigen Schnelldurchlauf vorstellte. Inhalt des Stücks ist das Leben der China-Missionarin Gladys Aylward, welches auch schon im Film "Die Herberge zur 6. Glückseligkeit" mit Curd Jürgens und Ingrid Bergmann thematisiert wurde. Man darf gespannt sein, ob dieses Stück einen Aufführungsort finden wird; der Auftritt in Dinslaken zeigte auf alle Fälle ein gewisses Potential, auch wenn eine Straffung den vorgestellten Songs nicht schaden würde. (Mehr Informationen zu "Jinai" und den Darstellern unter http://www.jinai-themusical.com.)

Nach "Jinai" ging es dann richtig los; die sechs Solisten präsentierten im Wechsel Songs, die größtenteils aus ihren aktuellen Engagements oder Soloprogrammen stammten. Da Serkan Kaya, Jessica Kessler und Peti van der Velde zur Zeit in Köln bzw. Zürich bei "We Will Rock You" unter Vertrag sind, bekam man einige Songs daraus zu hören (z.B. "We Will Rock You", "We Are The Champions", "Hammer To Fall" und noch einige mehr). Ethan Freeman bediente sich aus seinem reichhaltigen Repertoire (u. a.: "Wie kann ich sie lieben", "Stern", "Dies ist die Stunde"), Songs, die man zum größten Teil auch schon bei "Is This Home?" im Ebertbad hören konnte. Andreas Bieber bediente sich ebenfalls aus seinem Soloprogramm ("Als die Liebe entstand") und dem Repertoire der "Musical Stars Live!"-Tour, aus dem er anscheinend nicht nur für sich, sondern auch für seine Kollegen das ein oder andere Stück ausgewählt hatte ("You're The One That I Want", "I Am What I Am", "Pinball Wizard", "Mamma Mia!"). Letztgenanntes Stück sang auch Pia Douwes auf der "Best Of Musical 2007"-Tour, allerdings auf Deutsch, was in Dinslaken zu einer kuriosen Deutsch-Englisch gemischten Fassung des Liedes führte. Ebenfalls aus diesem Tourprogramm fanden sich "Frei und schwerelos" (aus "Wicked") und natürlich "Ich gehör' nur mir" (aus "Elisabeth") in der "Sommernacht" wieder.

Wer also in letzter Zeit häufiger in Sachen Musicals unterwegs war, hatte einige "Déjà ecouté"-Erlebnisse. In der Mehrheit wurde das Programm vom Publikum begeistert aufgenommen. Einige Zuschauer waren aber mit dem in diesem Jahr vor allem durch "We Will Rock You" recht großen Anteil von Rockmusik nicht so glücklich. Dazu trug auch die Tonqualität bei, die nicht vom Besten war; der Sound reichte teilweise von scheppernd bis schrill.

Von den Darstellern am überzeugendsten und mit der größten Bühnenpräsenz gesegnet war sicherlich "Sommernachts"-Neuling Pia Douwes. Am besten gefiel mir ihre Darbietung von "All That Jazz" (aus "Chicago") - dieses Stück hat man auf Galas noch nicht so oft von ihr gehört - und sie hatte bei jedem Auftritt ein neues, atemberaubendes Outfit an.

Der sichtlich gut gelaunte Ethan Freeman konnte mich insbesondere mit "Dies ist die Stunde" begeistern. Andreas Bieber präsentierte sich recht wandlungsfähig. Von ihm hätte ich mir vor allem mehr Anteile an der Moderation gewünscht, denn das kann er - sorry, liebe Veranstalter - besser als Thomas und Bertram.

Peti van der Velde sprühte bei ihren Songs vor Lebensfreude; mein persönliches Highlight dabei war "He Lives In You" (aus "Der König der Löwen").

Serkan Kaya präsentierte sich ausschließlich mit rockigen Nummern (mein Favorit dabei: "Heaven On Their Mind" aus "Jesus Christ Superstar"); von ihm hätte man aber gerne auch mal einen anderen Musikstil gehört. Jessica Kessler hatte in Dinslaken sozusagen ein "Heimspiel", blieb aber vor allem im Vergleich zu den Kollegen ein wenig farblos.

Insgesamt betrachtet bekam das Publikum einiges für sein Eintrittsgeld geboten. Auch wenn große Abwechslung und Überraschungen in diesem Jahr ausblieben, so war doch für jeden etwas dabei, und so wird die "Sommernacht" auch in den nächsten Jahren fortbestehen - das kann man ohne große prophetische Begabung voraussagen. Gespannt darf man allerdings sein, ob die Veranstalter zum Jubiläum im nächsten Jahr ihre Ansage verwirklichen können, alle bisher bei der "Sommernacht" aufgetretenen Künstler auf die Bühne zu holen. Der Vorverkauf wurde jedenfalls traditionsgemäß bereits während des Abends eröffnet.
Norbert Püschel
25.06.2007