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"Flügel - Von Hoffnung getragen" in Bottrop

Ein sehr ambitioniertes Laienprojekt mit dramaturgischen Schwächen




"Flügel - Von Hoffnung getragen" ist ein Musical mit einer besonderen Entstehungsgeschichte. Es begann mit einer musikalischen Liebeserklärung: Aus privaten Gründen verzichtete Sebastian Ivartnik Anfang 2002 auf einen Musical-Studienplatz und damit auf die Verwirklichung eines großen Traums. Beeindruckt von dieser Entscheidung schrieb Benjamin Hübbertz, Sebastian Ivartniks Lebensgefährte, ihm ein Liebeslied, das ganz wie eine Musicalballade klang. Diese Ballade wurde zum Ausgangspunkt des Musicals "Flügel", das mit der Zeit immer weiter entwickelt und überarbeitet wurde.
Vom jetzigen Stand der Produktion, die ausschließlich von Laien mit großem Einsatz auf die Bühne gebracht wird, konnte sich das Publikum vom 06. bis 08. Oktober 2006 im Städtischen Saalbau am Rathaus in Bottrop ein Bild machen. Musicals Unlimited besuchte die Vorstellung am 07. Oktober, die eine besondere war: Zum ersten Mal standen die beiden Macher des Stücks nicht selbst auf der Bühne, sondern konnten ihr Werk vom Zuschauerraum aus genießen.

Der Inhalt des Musicals in Kürze:
Die Rahmenhandlung: Ein Archäologenteam stößt auf das Buch der Erkenntnis, das einer Legende nach mit einer Feder des Erzengels Gabriel geschrieben wurde. Mit diesem Buch, das die essentiellen Fragen der Menschheit beantwortet, beginnt und endet die Geschichte. 
Die Binnenhandlung: Der Engel Luzifer will wie ein Mensch lieben und verstößt damit gegen die Gesetze des Himmels. Er wird in die Hölle verstoßen, wo ihn die Liebesdämonin Talea, vormals als Lilith bekannt, zu ihrem Werkzeug machen will. Im Himmel wird Luzifer derweil von seinem besten Freund, dem Engel Gabriel, vermißt. Insgeheim lieben sich die beiden, aber weder im Himmel, noch in der Hölle ist diese Liebe statthaft. Da hilft nur eines: ein Mensch mit freiem Willen zu werden. Am Ende gelingt dies natürlich trotz aller Intrigen, und die Quintessenz des Stücks ist, daß "es keine Menschen zweiter Klasse gibt".

Vieles an dieser Story, an Austattung und Choreographie erinnert an bekannte Musicals: Viel "Paradiese of Pain", ein guter Schuß "Tanz der Vampire", eine Prise Callahan'sches Bewegungsrepertoire -  und fertig ist die Musical-Mixtur. Dagegen ist noch nichts einzuwenden; das große Manko ist jedoch der Plot an sich, über dessen Logik man nicht nachdenken darf.
Okay, Menschen haben einen freien Willen und können sich für oder gegen die Liebe entscheiden. Diese These kann man vertreten, auch wenn ich ihr nicht zustimme. Dann erhält Luzifer jedoch den Auftrag, ein Menschenpaar mittels eines Zaubers zu entzweien, was er auch tut. Wo bleibt da die freie Entscheidung der Liebenden, die sich nicht willentlich trennen? Am Ende stehen die beiden übrigens wieder turtelnd auf der Bühne, ohne daß zum Beispiel ein Engel die Beziehung wieder gekittet hätte. Wie ist das nun wieder möglich? Dramaturgische Fragen dieser Art wirft "Flügel" in rauhen Mengen auf.
Warum singt Talea mit den beiden Protagonisten plötzlich ein Liebeslied? Ihr Charakter erhält dadurch einen Bruch, und nach der Logik des Stücks darf sie eh keine Gefühle entwickeln. Warum sie dann am Ende im Fegefeuer umkommt, bleibt auch offen. Sie ist doch bereits in der HÖLLE; was kann ihr dann das Fegefeuer anhaben?
Auch die ansonsten mit viel Liebe gestalteten Kostüme lassen eines offen: Wo um - Pardon - Himmels Willen sind die Engelsflügel, von denen immer die Rede ist?
Weltbilder werden - vielleicht absichtlich, weil die Laientruppe wert auf Akzeptanz sämtlicher Glaubens- und Lebensausrichtungen legt - bunt durcheinander geworfen. Da gibt es das Modell von Himmel und Hölle, aber auch die Wiedergeburt kommt vor. Wirklich plausibel verknüpft wird beides nicht.
Auch das optisch wirklich gelungene Bühnenbild hätte man teilweise besser nutzen können, um Himmel und Hölle räumlich zu trennen.
Selbst die Kernaussage des Stücks, jeden ohne Vorurteile so anzunehmen wie er ist, wird in dieser Inszenierung mit ihrem Klischees ad absurdum geführt.

Dies sind ein paar Beispiele für dramaturgische und inszenatorische Schwächen des Stücks, die unübersehbar sind. Ich persönlich hätte mir in dieser Hinsicht mehr von dem Musical versprochen.

Den Hut ziehen muß man allerdings vor dem Engagement der Laien auf und hinter der Bühne. Von der Einstudierung der Rollen bis hin zum Bühnenbildbau schafft die Truppe alles in Eigenregie!
 Das alleine ist schon einen Applaus wert - und davon gab es reichlich in der besuchten Show, bei der viele Freunde und Familienangehörige der Akteure anwesend waren, und auch eine kleine Fangemeinde hat das Stück, das in einer früheren Form bereits zu sehen war, schon.

Musikalisch bietet "Flügel" einzelne Songs, bei denen sich verschiedene musikalische Einflüsse zeigen. Hübsche Ansätze sind zweifellos dabei, der ganz große Wurf ist mit dieser Partitur allerdings noch nicht geglückt. Haften bleiben die Melodien jedenfalls nicht, und man würde sich mehr echte Mehrstimmigkeit im Gesang wünschen. (Da setzt vielleicht das Können der Ensemblemitglieder Grenzen.)
Nicht gerade ausgewogen war der Sound, denn permanent waren Atemgeräusche zu hören.

Die insgesamt 52 Darstellerinnen und Darsteller sind mit viel Enthusiasmus bei der Sache; das merkt man ihnen an. Man würde der Truppe aber auch einen weiteren Schritt in Richtung Semiprofessionalität wünschen. Es ist sicher noch viel mehr drin!  
 
In den Hauptrollen zu sehen waren in der besuchten Vorstellung: Jens Dahmen und Patrick Trieba, die als Gabriel und Luzifer ein nettes Paar abgaben, Lisa Böhme als männermordende Talea mit harter Schale und weichem Kern, Nicole Kuhnke als süßer Engel Flügelchen, Vera Domik als Synthia, die aparte Direktorin der Puttenschule, der Engel Gabriel besonders am Herzen liegt, Simone Hübbertz in der Rolle des chamäleonähnlichen Gestaltenwandlers Marbas, Bastian Schons als Wächter des Fegefeuers Matyrion, Dennis Schmidl als Dämonenmagier Drason und Anne Hochkamer als Fariel.

Unterm Strich bleibt zu sagen, daß der Mut ein eigenes Stück auf die Bühne zu bringen nicht hoch genug angerechnet werden kann. Trotzdem bedarf es bei "Flügel" noch einiger Überarbeitung, um ein im Ganzen wirklich stimmiges Musical daraus zu machen. Eine Straffung der Handlung täte dem Stück sicher gut, obwohl ich natürlich das Problem sehe, alle Beteiligten unter der Prämisse der Entfaltungsfreiheit weiterhin unterzubringen.

Vom Stand der Dinge kann man sich spätestens im nächsten Jahr wieder ein Bild machen; dann wird "Flügel" nämlich auf Tournee gehen.

Weitere Informationen zum Stück gibt es unter: www.fluegel-das-musical.de (Link ganz unten anklicken, falls das Intro nicht funktioniert).

Claudia Bauer-Püschel
(10.10.2006)