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Der zweite Aufguss:
„Jesus Christ Superstar“ am Staatstheater Darmstadt
Am Samstag, den 21. März wurde die Webber/Rice-Rockoper „Jesus Christ Superstar“ am Staatstheater Darmstadt in der Inszenierung von Mei Hong Lin erstmals gezeigt. Die Aufführung findet dort in deutscher Sprache (Anja Hauptmann) statt.
Unter der Leitung von Thomas Peuschel, der neben André Weiss auch für die Choreinstudierung gesorgt hat, ist die mittlere der drei „Jesus Christ Superstar“-Varianten zu hören, bei der eine um Blech- und Holzbläser erweiterte Band zum Einsatz kommt. Bass und Drums wurden betont, so dass der musikalische Gesamteindruck eine gewisse Härte hat. Eine bei „Jesus Christ Superstar“ oftmals kritische Stelle (Horn) gelang in der Premiere leider nicht optimal; kurz vor Beginn der Vorstellung hörte man just diese Tonfolge noch mehrmals fehlerfrei aus dem Orchestergraben. An der Leistung der Musiker gibt es
nicht viel zu bemängeln. Durch ein Sounddesign, das mehr Breite hat, wäre der musikalische Genuss sicher noch zu steigern. Der Raumklang konzentriert sich zu sehr auf die Mitte. Beim Ton gab es bei der Premiere leider einige Pannen (falsches Mikrofon geöffnet, Rückkopplung).
Regie geführt hat die gebürtige Taiwanesin Mei Hong Lin. Es ist nicht ihre erste „Jesus Christ Superstar“-Inszenierung, hat sie das Stück doch bereits 2005 (Premiere: 13. August) bei den Erfurter Domstufenspielen auf die Bühne gebracht. Wer diese Produktion besucht hat, wird in Darmstadt eine Reihe von Déjà-vu-Erlebnissen haben. Gemeinsam mit Ausstatter Thomas Gruber (Bühne & Kostüme), der als Bühnenbildner ebenfalls für die Erfurter Produktion von „Jesus Christ Superstar“ gearbeitet hat, hat Mei Hong Lin die damalige Produktion als Basis genutzt und diese für das Staatstheater Darmstadt, an dem sie seit 2004 als Direktorin des Tanztheaters tätig ist, adaptiert. Dabei wurde die Inszenierung weiter modernisiert und stärker abstrahiert.
Während 2005 eine Hippie-Kommune als Setting für die biblische Geschichte gewählt wurde, spielt die Handlung nun vor
nicht näher benanntem, optisch eher heutigem Hintergrund. Die Projektion einer bewegten Metropole in einem verfremdeten Bild deutet dies unter anderem an. Stark geprägt wird die Inszenierung durch Elemente und Farben mit hohem symbolischen Gehalt wie weiteren - allerdings spärlichen - Projektionen oder einem Hintergrund in uni rot mit der Assoziation „Gewalt und Blut“. Das ästhetische Prinzip trifft auch auf die Kostüme zu, die für eine klare Rollenzuordnung sorgen: Die Guten (Jesus, Jünger) sind hell und leger gekleidet; die Bösen (radikale Personen, Priester, Römer) tragen dunkle Kleidung mit bevorzugt uniformartigen Schnitten. Judas wechselt im Verlauf des Stücks immer mehr von der hellen auf die dunkle Seite. Beim Titelsong ist er dann in einen silbern glänzenden Anzug gekleidet. Maria sticht in rotorange (rot = Verführung, Sünde)
aus der Menge hervor.
In die geneigt konstruierte Bühne in Form eines Kreuzes sind Beleuchtungselemente eingelassen, die ein blaues Kreuz mit rotem Umriss ergeben. Links auf der Bühne befindet sich - wie schon in Erfurt - ein Gerüst, das mit roten Leuchten variabel gestaltet wird. Hier treten beispielsweise die Hohepriester mit großen Feldstechern auf. Auch die Tempelszene gleicht wie so vieles der Erfurter Domstufen-Version: Hier treten Gogo-Engel, bunte Oster-Bunnys und Weihnachtsmänner mit voll beladenen Einkaufswagen auf. Damit greift Mei Hong Lin der Binnenhandlung um die letzten Tage im Leben Christi voraus, wirft einen Blick in die Zukunft und lässt Jesus Kritik an der Kommerzialisierung der beiden höchsten christlichen Feste üben. Dennoch steht die Gesamtinszenierung in einem jüdischen Kontext, was vor allem durch rote Leucht-Judensterne verdeutlicht wird. In der Kreuzigungsszene hebt sich aus der Bühnenmitte ein wiederum kräftig rot und
blau beleuchtetes Kreuz mit Jesus daran, und die Judensterne sind erloschen. Bei „Johannes, 19:41“, das nicht nur instrumental, sondern auch mit Chor auf die Bühne gebracht wird, bleibt dieses Kreuz mit Jesus der Mittelpunkt, während im Hintergrund zahlreiche Personen mit roten Friedhofslämpchen erscheinen, und so - auf eine optisch effektvolle, aber recht kitschige Art (Absicht?) - die posthume Verehrung auf die Bühne gebracht wird.
Gewalttätige Proteste, terroristische Vereinigungen, eine ebenso brutale wie überforderte Staatsmacht, die Sensationsheischerei der Medien - all diese aktuellen Themen (und mehr) werden in „Jesus Christ Superstar“ auf die Bühne gebracht. Das funktioniert teilweise sehr gut, wirkt an anderen Stellen jedoch
ein wenig zu weit hergeholt.
Wo Mei Hong Lins Open Air-Inszenierung mit ausgefallenen Ideen wie einer echten Hundestaffel oder einer Stretchlimousine, in der Herodes vorfährt, überraschen konnte, erfordert das geschlossene Theater andere Lösungen. So erscheinen Herodes und sein Hofstaat hier im vergleichsweise schlichten Varieté-Stil. Die Choreografie von Christina Comtesse fügt sich funktional in die Inszenierung.
Wie schon in Erfurt steht auch in der Darmstadter „Jesus Christ Superstar“-Produktion Chris Murray in der Titelrolle auf der Bühne, und man könnte die Show glatt in „Jesus Chris Superstar“ umbenennen, denn er ist der absolut dominierende Mann im Stück. Mit ganzem Körpereinsatz, intensivem Spiel und nicht zuletzt absolut überzeugender gesanglicher Interpretation verleiht der Künstler seiner Figur Leben. Chris Murrays „Gethsemane“ wird so zum musikalischen Höhepunkt der Aufführung.
Wenn man bedenkt, dass Andrew Lloyd Webber und Tim Rice ihr Frühwerk ursprünglich nach Judas, aus dessen Sicht die Geschichte eigentlich erzählt wird, benennen wollten (vermarktungstechnische Überlegungen sprachen schließlich dagegen), dann ist die Intention der Urheber in dieser Inszenierung kaum noch zu erkennen. Neben einem starken Jesus
bedarf es dazu nämlich eines ebensolchen Judas. Oliver Fobe erfüllt diesen Anspruch leider nicht. Er agiert ohne jegliche Bühnenpräsenz und kann mit seinem Gesang und dessen kurz gehaltenen, stellenweise fast schon stakkatoähnlichen Phrasierungen inhaltlich kaum etwas transportieren - vom Hörgenuss ganz zu schweigen. Mögen in den ersten Reihen durch Oliver Fobes Mimik die Motivationen und Gefühle seiner Figur noch zu erkennen sein, so kommen sie in Reihe 14 nicht mehr an. Beim Titelsong geht Oliver Fobe stimmlich im Ensemble unter.
Dafür können die drei Soulgirls Sarah Rögner, Anne Gebert und Jeannette Friedrich endlich richtig in
Erscheinung treten. Sie sind in dieser Inszenierung zu oft nur akustisch auszumachen, werden aber nicht sichtbar als kommentierende Charaktere eingesetzt. - Schade für die Künstlerinnen, denn die Rollen können mehr hergeben...
Als Maria Magdalena macht Sigrid Brandstetter einen guten Job. In der Premiere griff sie sich nur leider ans Mikro, was unschöne Geräusche verursachte; gesanglich und auch darstellerisch war aber alles im grünen Bereich.
David Pichlmaier singt den Pontius Pilatus mit angenehmer Stimme - nicht mehr und nicht weniger.
Oleksandr Prytolyuk gibt den Herodes den Vorgaben entsprechend vergleichsweise dezent. Dafür agiert
Thomas Mehnert als Kaiphas für diese Rolle außergewöhnlich exzentrisch. Wild gestikulierend und tanzend stachelt er das Volk an, die Hinrichtung Jesu zu fordern. Das wirkt ein wenig befremdlich; bei diesen Regieanweisúngen versteht aber garantiert auch der letzte Zuschauer, dass Kaiphas ein intriganter Drahtzieher ist. Thomas Mehnert interpretiert seine Gesangspartie mit beeindruckend sonorem Bass.
Ferner treten auf: Jeffrey Treganza als Annas, Matthias Zerwas als 2. Priester, Christoph Keßler als 3.
Priester, Markus Durst als Petrus (der hier augenscheinlich ein innigeres Verhältnis zu Jesus hat als Judas!), Lucian Krasznec als Simon Zelotes sowie Geoffrey Browne, Bo-Chul Chang, Radoslav Damianov, Pawel Fojcik, Mikko Järviluoto, Juri Lavrentiev, Stefan Steinbauer, Satoshi Takada und Wolfgang Vetter als Apostel. Außerdem sind Klaus Riedelsheimer (Soldat), Stefan Grunwald (Ein alter Mann) und Chor, Tanztheater und Statisterie des Staatstheaters Darmstadt zu nennen.
Kennt man die Erfurter „Jesus Christ Superstar“-Aufführung aus dem Jahr 2005, so wirkt Mei Hong Lins aktuelle Inszenierung wie ein zweiter Aufguss: mit leicht anderer, aber auch schwächerer Note. Sicher kann man „Jesus Christ Superstar“ so auf die Bühne bringen; die Produktion lebt jedoch maßgeblich von Chris Murray in der Titelrolle, der den Besuch lohnenswert macht. Von einer Neuinszenierung wünscht man sich im Grunde aber mehr...
Aufführungstermine und weitere Informationen findet man unter: www.staatstheater-darmstadt.de.
Claudia Bauer-Püschel
(24.03.2009)














