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„Christ0“: Szene mit Stephan Hugo, Ulrich Wewelsiep und Andy Kuntz (v.l.n.r.)„Christ0“ am Pfalztheater Kaiserslautern:

Mutiges Konzept entpuppt sich als unausgegoren

 

Bereits am 11. April 2008 feierte die Rockoper „Christ0“ (sprich engl.: Christ-Zero, ein Hinweis darauf, dass Dantès alles Gute in sich ablegt) am Gärtnerplatz-Theater in München ihre Welturaufführung. Eine überarbeitete Version zeigte das Pfalztheater Kaiserslautern nun erstmals am 24. Januar 2010.

 

Das Stück wurde nach Motiven des Romans „Der Graf von Monte Christo“ entwickelt. Die Neufassung entstand in Zusammenarbeit der Autoren und Komponisten mit Regisseur Urs Häberli. Die Musik stammt von Günter Werno, Stephan Lill und Andy Kuntz, das Buch von Holger Hauer und Andy Kuntz, der auch für die englischsprachigen Gesangstexte des ansonsten deutschen Stücks verantwortlich zeichnet. (Zu den Gesangstexten werden deutsche Übertitel eingeblendet, die teilweise recht frei und mit Mut zur Lücke aus dem Englischen übertragen worden sind.)Villefort will die Weltherrschaft (Randy Diamond, Damen und Herren des Extrachores)

 

Alexandre Dumas’ Roman über den einer Intrige zum Opfer gefallenen Edmond Dantès, der als Graf von Monte Christo Rache an seinen Widersachern nimmt, wird inhaltlich als bekannt vorausgesetzt - sei es von der Originalliteratur, einer der zahlreichen Verfilmungen oder (aktuell) von der Musicalbühne her. Für die Musiktheater-Produktion „Christ0“, der Häberli als Rockoper „mehr Tiefgang“ im Vergleich zum Musical-Genre attestiert, bedient man sich im Wesentlichen einiger Charakternamen und Bruchstücke der literarischen Vorlage, die teils zusammengerafft, teils neu arrangiert, auf jeden Fall aber deutlich freier interpretiert werden. Dreh- und Angelpunkt der „Christ0“-Story ist die Spaltung der Hauptfigur in zwei Charaktere: An dem Punkt, an dem Christ0 seinen Rachefeldzug in „Jekyll & Hyde“-Manier beginnt, taucht ein gewisser Inspektor X (nennt sich selbst mit vollem Namen: Xavoir) auf, der die rätselhaften Morde an Mitgliedern der gehobenen Gesellschaft klären soll. Für den Zuschauer ist hier leider nichts mysteriös; er ist von Anfang an darüber im Bilde, dass es sich bei Dantès/Christ0 und Inspektor X um ein- und dieselbe Drogen und Spinnen als Zeichen für Villeforts
(Randy Diamond) düstere MachenschaftenPerson handeln muss. Die Bühnencharaktere benötigen mehr als 2½ Stunden, bis sie zu dieser Erkennnis gelangen (Dauer des Stücks: 2¾ h, eine Pause).

 

Musikalisch trägt „Christ0“ den „Vanden Plas“-Stempel; die Bandmitglieder Andreas Lill (Drums), Stephan Lill (Guitars), Torsten Reichert (Bass), Günter Werno (Keyboards/Klavier; Musikalische Leitung), allesamt zweifelsfrei Vollblutmusiker, sorgen für treibenden Rock und schmachtende Balladen. Sänger Andy Kuntz, der in der Titelrolle des Christ0 auf der Bühne steht, steuert seine Stimme zum unverwechselbaren Sound bei - so weit, so gut. Leider klingen die Songs jedoch recht beliebig und haben kaum Ohrwurmqualität.

Lobenswert war in der Premiere - mit Ausnahme von Rückkopplungen gegen Ende der Aufführung - die Tonqualität (Jan Glogger, Harald Pfeil).

 

Was in einem Live-Konzert wunderbar funktionieren mag und auch beim Bühnenstück „Ludus Danielis“ mit seinen innovativen Ideen noch überzeugte, scheitert bei Faria (Peter Nüesch, li.) reicht Dantès (Andy  Kuntz) den Fehdehandschuh - der Beginn des Rachefeldzugs„Christ0“ bereits am - trotz Überarbeitung - unausgegorenen Konzept. Es krankt wohl schon am Grundansatz des Skripts, der dem Hauptcharakter von Beginn an das Interessante nimmt. In dieser Inszenierung mutet das Ganze eher wie eine Notlösung dafür an, dass Künstler mit unterschiedlichem schauspielerischen Potenzial eingesetzt werden.  

 

So erkennt man zwar Andy Kuntz’ Mimik, aber Christ0s Stimmungswechsel treten - wie zu Anfang des Stücks zu sehen auch durch Szenenaufbau und Regie bedingt - so abrupt ein, dass sie ausreichende Authentizität vermissen lassen. Andy Kuntz bedient sich wiederholt seiner Rockstar-Attitüde. Nur in kurzen Momenten erscheint Christ0s Figur clever in Szene gesetzt, so zum Beispiel, als er einen brutalen Mord begeht und Kuntz dazu eine zuckersüße Rockballade anstimmt. Die Kontrastierung wirkt, aber leider konzentriert sich die Szene dann allzu schnell wieder auf den puren Gesang des „Vanden Plas“-Frontmanns, als den man den Darsteller über weite Strecken wahrnimmt.

 

Andy Kuntz als Edmond Dantès, Astrid Vosberg als MercédesDie Figur des Inspektor X, schauspiel- und gesangstechnisch von Ulrich Wewelsiep solide ausgefüllt, scheint schon von der Charakterzeichnung her zum Scheitern verurteilt. Dieser Charakter wirkt wie ein verzweifelter Schatten Christ0s und bietet ihm nirgends einen angemessenen Gegenpart. Dort, wo durch den (inneren) Konflikt Spannung entstehen könnte, wird diese Chance verschenkt. Stattdessen bewegen sich Dantès/Christ0 und Inspektor X auf verschiedenen inneren und äußeren Ebenen, die nicht immer schlüssig wechseln. Eine Person, die sich auf rätselhaften Suche nach sich selbst befindet - das hat man schon spannender im Film „Angel Heart“ mit Mickey Rourke gesehen (Romanvorlage: „Falling Angel“, William Hjortsberg). 

 

Apropos Film: In „Christ0“ sind einige Anspielungen zu finden. So wird der Original-Filmtitel von „Das Zum Scheitern verurteilt: Inspektor X (Ulrich Wewelsiep)Schweigen der Lämmer“ in einem Songtext zitiert, und auch die Mordszenerie mit einer aufgehängten, ausgeweideten Leiche erinnert daran. Die Szene - übrigens eines der Highlights von „Christ0“ -, in der der größenwahnsinnige Villefort (Randy Diamond; alternierend: Philippe Ducloux) einen Ballon-Globus zum Platzen bringt, erinnert an Charlie Chaplins „Der große Diktator“, die Kombination von Drogen und Spinnen in einer anderen Szene an Michael Jacksons „Moonwalker“ mit Joe Pesci (Mr. Big). Auch diese „Christ0“-Szene kann punkten, was nicht zuletzt Randy Diamond zu verdanken ist, der sowohl in den im Stück reichlich vorhandenen reinen Schauspielszenen, als auch bei seinen Gesangssoli Können und Charisma beweist. Ihm und dem Publikum hätte man einen noch größeren Rollenanteil im Stück gewünscht!

 

Die Rolle der Mercédes wird von Astrid Vosberg mit großer Stimme interpretiert. Sie und Andy Kuntz zeigen sich als eingespielte Bühnenpartner; durchweg glaubwürdig ist die Person der Mercédes dennoch nicht. Ein Krasser Stimmungsumschwung wie Mercédes’ leicht aggressive Aussage, dass Edmond schon lange tot ist, der kurz darauf ein Liebesduett der beiden folgt, erscheint ebenso wenig realistisch wie ihr unmotivierter Tod (ein gebrochenes Herz?).  

 

Logische Ungereimtheiten sind durchweg ein Problem von „Christ0“; den meisten Darstellern mag man da kaum etwas unterstellen. Man fragt sich jedoch zum Beispiel, wieso sich gerade Villefort (!) duellieren muss, der Christ0 als Staatsanwalt auch enfach einsperren lassen könnte. Auch der Bezug zu Christ0s Angriff auf seinen eigenen Sohn, was in der Inszenierung unnötig stark betont wird, ist unverständlich. - An welcher Stelle findet dieser Angriff statt?

Urich Wewelsiep als Inspektor X (li.), Andy Kuntz als Edmond Dantès/Christ0 und Astrid Vosberg als Mercédes 

Größtenteils durch die Geschichte zu geistern hat Peter Nüesch als Faria nach seinem unspektakulären Tod. Peter Nüesch agiert schauspielerisch auf hohem Niveau, was aber nicht über die Defizite der Figur Faria hinwegblicken lässt. - Zuerst reicht Faria Edmond den symbolbeladenen roten Fehdehandschuh (Inspektor X trägt das Gegenstück, wie er auch das gleiche Brandmal auf der Brust trägt, das niemandem aufzufallen scheint...), und stachelt ihn auf; als Toter redet er ihm dann ins Gewissen. - Aber war das nicht die Aufgabe von Inspektor X...?  

 

Danglars wird von Roger Eric anständig verkörpert; über Fernand Mondego (Stephan Hugo) kann man nicht viel sagen; er stirbt einen allzu frühen Bühnentod.

 

Die Bühne (Anna Kirschstein) ist mit über mannshohen Kästen bestückt, in denen sich diverse Spielräume befinden. Zum Teil sind diese Kästen fest übereinander gestapelt, zum Teil werden sie im Verlauf der Handlung von Bühnentechnikern verschoben, wofür wiederholt Umbaumusik nötig wird. Inmitten der Voller Träume: Albert Mondego (Julian David) und Valentine Villefort (Nadine Eisenhardt) prinzipiell einfallsreichen Grundidee, wirkt dies nicht gerade elegant. Wenig überraschend stellt sich die Bühnenausstattung (Wolke und Heißluftballons) beim Duett zwischen Albert Mondego (Premierenbesetzung: Julian David; alternierend: Manuel Lothschütz) und Valentine Villefort (Nadine Eisenhardt) dar. (Die beiden Darsteller harmonierten am Premierenabend übrigens künstlerisch wie optisch gut miteinander.)

 

Video-Projektionen (Karl-Heinz Christmann) sorgen für mehr reales Ambiente. Gut ist auch der Einfall eines erscheinenden französischen Schriftbilds; leider ist es auf Grund der Beleuchtung (Licht: Manfred Wilking) jedoch nicht komplett lesbar.

 

Die Kostüme (Marcel Zaba) sind vielfach durch historische Modelle inspiriert und aus modernen Materialien geschneidert. Bedenkt man die fiktive Dauer der Handlung, so wirkt es unrealistisch, dass die Bekleidung bei kaum einer Figur wechselt. Vermutlich machen sich hier finanzielle Gründe bemerkbar. Das Ballett, das mit der Choreografie von Stefano Giannetti abstrakt-moderne Akzente setzt, trägt dazu angemessene Kostüme. 

 

 

Unterm Strich bleibt positiv anzumerken, dass die „Christ0“-Macher ambitionierte, kreative Wege gewagt haben; sie hätten jedoch spätestens bei der Überarbeitung des Stücks auch bemerken können, dass der Grundansatz zu viele Haken hat. Andy kuntz wirkte doch etwas enttäuscht-überrascht, als er das Publikum bei der Zugabe mit den Worten „Wo seid ihr?“ zum Feiern aufforderte. Von den „Vanden Plas“-Fans gab es stehende Ovationen; insgesamt hielt sich der Premierenapplaus jedoch in Grenzen. Dem duchweg sympathischen Pfalztheater kann man nur wünschen, dass die Poduktion trotz ihrer Schwächen ein ausreichender Erfolg wird.

 

Claudia Bauer-Püschel

(28.01.2010)

 

Albert Mondego (hier: Manuel Lothschütz) und seine Mutter Mercédes (Astrid Vosberg)Christ0 (Andy Kuntz) übt Rache: Danglars (Roger Eric, liegend) erstickt an seiner GeldgierChrist0 (Andy Kuntz) schwebt als Racheengel über dem „Christ0“-Ensemble