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„Victor&Victoria“ im Capitol Mannheim:
Turbulentes Spiel mit den Geschlechterrollen
Freitag, 26. Februar 2010, kurz nach 20.00 Uhr im Mannheimer Capitol - Bühne frei für den Broadway-Erfolg „Victor&Victoria“! Im Mittelpunkt des turbulenten Stücks steht Sängerin Victoria Grant, die vorgibt, ein Mann zu sein, der wiederum als Travestiestar Erfolge feiert. Problematisch wird es, als die Liebe ins Spiel kommt... Der Stoff wurde erstmals 1933 im deutschen UFA-Tonfilm „Viktor und Viktoria“ auf die Leinwand gebracht; zeitgleich erschien eine französische Version unter dem Titel „Georges et Georgette“. 1982 trat dann das Remake „Victor/Victoria“ seinen Siegeszug an: Neben weiteren Auszeichnungen und Nominierungen erhielten Henry Mancini (Musik) und Leslie Bricusse (Lyrics) 1983 einen Oscar für die Filmmusik. 1995 wurde der Stoff mit ein paar Änderungen und zusätzlichem Ton- und Textmaterial von Frank Wildhorn als Broadway-Musical aufgeführt und lief zwei Jahre lang. Henry Mancini erlebte die Broadway-Premiere nicht mehr; er starb 1994.
Nun hat das Mannheimer Capitol die Komödie „Victor/Victoria“ (Buch: Blake Edwards) - die Mannheimer nennen das Stück „Victor&Victoria“ - auf die Bühne gebracht. Gespielt wird die Komödie in der recht originalgetreuen deutschen Version von Stefan Huber, die den örtlichen Gegebenheiten stellenweise gut angepasst worden ist. So wird die Stadt Mannheim erwähnt („Chicago“); Nebenfiguren hat man samt kurzer Textpassagen gestrichen bzw. geschickt auf andere Figuren umverteilt.
Zu den Liedtexten in der von Thorsten Riehle (Produktionsleitung: Michelle Foissner) produzierten „Victor&Victoria“-Fassung sei erwähnt, dass sie nur teilweise ins Deutsche übertragen sind, manche sind deutsch, manche englisch, hier und da wechselt die Sprache innerhalb eines Songs. Eine Verwendung der Sprachen als systematisch eingesetztes Stilmittel ist dabei auf Anhieb nicht zu erkennen. Übertitel gibt es für die englischen Passagen nicht; wer der Sprache nicht mächtig ist, muss sich auf die Ausdruckskraft der Künstler verlassen.
Regisseur Georg Veit hat gut daran getan, die Handlung wie im Original überwiegend im Paris der frühen 30er Jahre zu belassen und das frech-frivole Nachtleben der Stadt so gut wie möglich auf die Bühne zu bringen. Wo es Beschränkungen gibt, hat die Regie schlüssige, kreative Lösungen gefunden. Wo kein großes, für ein Broadway-Musical typisches Tanzensemble auf die Bühne gebracht werden kann, werden andere Akzente gesetzt. Im Capitol kommt „Victor&Victoria“ als temporeiches, musikalisches Boulevard-Theater daher, und diese Umsetzung dürfte das Mannheimer Premierenpublikum noch mehr angesprochen haben, als es eine große Produktion im amerikanischen Stil gekonnt hätte. Witzige, liebevolle Details sorgen für Freude. So erklärt die Inszenierung die Entstehung von Victorias alter Ego, dem polnischen Grafen Victor Grazinsky: Die Nationalität fällt Toddy bei einem Blick auf Victorias Allerwertesten ein (Po-len); der Name Grazinsky kommt durch einen Nieser zu Stande. Den Spannungsbogen im rund 90-minütigen ersten und circa einstündigen zweiten Akt komplett zu halten, ist sicher keine einfache Aufgabe; Georg Veit und seine Darsteller meistern sie. Mit viel (Stimm-)Kraft und hohem Tempo wird der gesamte erste Teil gespielt; erst in der zweiten Hälfte werden schließlich auch die ruhigeren, nachdenklichen Töne angeschlagen.
Wenn der Zuschauer auch für die korrekte Verortung der Szenen manchmal etwas Fantasie braucht - unterm Strich hat die Regie Hand und Fuß.
Die Bühne (Georg Veit/Volker Döring) besteht aus zwei Ebenen und eröffnet durch ihre verschiebbaren, von zwei Seiten zu nutzenden Elemente viele Möglichkeiten. So werden zum Beispiel mit einer „Bühnenbild-“ und einer „Backstage-Seite“ verschiedene Theaterräume geschaffen. Die gemalten Kulissenteile gefallen passend zum Pariser Spielort mit ihren Trikolore-Farbanklängen. Ins rechte Licht gerückt wird das Ganze durch Wolfgang Krämer.
Einen großen Anteil am Stück hat die Choreografie von Corinne Kraußer, die auch für das ordentliche Kostümdesign verantwortlich zeichnet. (Zu den Prunkstücken unter den Kostümen zählt zweifellos der Showdress der Hauptfigur mit seiner roten Federboa, betont durch die Maske von Daniela Werner.) Corinne Kraußer stehen für ihre Choreografie neben den Solisten vier Tänzerinnen der Dance Factory Frankenthal zur Verfügung (Steffi Hester, Sophia Houska, Carina Köhler, Kerstin Schmitz). In der Premiere war nicht alles so synchron, wie es wohl gedacht war; die Tänzerinnen brachten jedoch eine beachtliche Leistung, denn sie übernahmen (überwiegend) männliche und auch weibliche Rollen. Zudem bewegten sie die Kulissenelemente, mussten also ständig zwischen größtmöglicher Bühnenpräsenz und extrem dezentem Erscheinen hin- und herpendeln. Corinne Kraußers - vor allem beim Tango zwischen Victor und Norma - von der Broadway-Produktion inspirierte Choreografie vermittelte genügend Show-Flair.
Unter der Leitung von Frank Schäffer sorgt die insgesamt sechsköpfige, auf der Bühne hinter einem halbtransparenten Vorhang platzierte Band für den nötigen Drive in Henry Mancinis Musik. Eine Hommage an die filmische Zusammenarbeit zwischen Blake Edwards und Henry Mancini liefert das „Pink Panther Theme“, das in die Show eingebaut wurde. Von schmissig-jazzig bei „Le Jazz Hot “ bis gefühlvoll-sanft bei „Living In The Shadows“ - die Capitol-Band deckt die musikalische Bandbreite ab. („Living In The Shadows“ stammt übrigens von Frank Wildhorn und erinnert in den Anfangstakten an ein „Dornenvögel“-Thema. Die Musik zu diesem TV-Mehrteiler stammt von keinem anderen als Henry Mancini! „Living In The Shadows“ klingt also durchaus so, als hätte Mancini persönlich den Song geschrieben.)
Zu Beginn der Premiere hätten die Mikrofone nicht ganz so weit geöffnet werden müssen; nach der Eingewöhnungsphase war der Sound (Ton- und Lichttechnik: M.A.X.; Tondesign: Holger Jung) jedoch durchweg in Ordnung. Unter den Soundeffekten bleibt unter anderem der platzende Scheinwerfer als „Running Gag” bei Victors höchstem Gesangston in lebhafter Erinnerung.
Dort, wo eine Bühne keine visuell spektakuläre Technik bietet, liegt der Fokus noch stärker auf den Künstlern. „Victor&Victoria“ ist im Capitol mit sechs Mannheimer Publikumslieblingen besetzt.
Die auch als Kabarettistin und Comedian bekannte Sängerin und Schauspielerin Anna Krämer gibt die Titelrolle. Sie interpretiert Victor/Victoria mit großer stimmlicher und darstellerischer Bandbreite, die das Publikum mitreißt. Ob hohe oder tiefe Töne, lebhaft-extrovertierte oder nachdenklich-leise Szenen, Anna Krämer trifft sie auf den Punkt. - Chapeau!
Einen enormen Beitrag zum Stück leistet Christian Schöne als Carol „Toddy“ Todd nicht nur durch seinen hohen Rollenanteil, sondern auch durch seine konsequente Rollenumsetzung. Mit starker Bühnenpräsenz, intensiver Mimik und Gestik sowie guter Stimme haucht er Toddy Leben ein. Das Ergebnis kann man nur als „hinreißend schwul“ bezeichnen!
Sascha Kleinophorst wirkt als King Marchand authentisch amerikanisch; Susanne Back kann als sexy-schrille Norma Cassidy mit Gesang und Körpereinsatz voll punkten; Bernd Nauwartat füllt mit der Rolle des Squash Bernstein einen etwas unscheinbareren Part gut aus. In zwei Rollen erscheint Matthias Paul auf der Bühne: als André Cassell und Mafioso Sal. In der Figur des André Cassell sind in der deutschen Version von „Victor/Victoria“ (Rechte: Litag Theaterverlag) zwei Charaktere der Broadway-Variante verschmolzen. In Mannheim hat der Agent Cassell mehr vom Nachtclubbesitzer der US-Version: Der Charakter wirkt eher unmotiviert, so wie einer, der dringend Hilfe braucht, damit sein Laden richtig floriert. Mehr „positive“ Präsenz kann Matthias Paul mit rauer Stimme als Sal an den Tag legen.
Fazit: Mit „Victor&Victoria“ zeigt das Capitol Mannheim ein turbulentes, unterhaltsames Musical. Wer der Frage, wer Mann und wer Frau, wer schwul und wer hetero ist, auf den Grund gehen will, hat dazu an den nächsten Terminen (Do., 25.3./Fr., 16.4./Fr., 21.5./Fr., 11.6.2010) Gelegenheit.
Claudia Bauer-Püschel
(03.03.2010)

