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Frisch vermählt: Marguerite St. Just (Karin Seyfried) und Sir Percival Blakeney (Veit Schäfermeier)„The Scarlet Pimpernel“ am Stadttheater Bielefeld:

Souveräner Titelheld in ausbaufähiger Slapstick-Inszenierung

 

Am 06. März hob sich im Stadttheater Bielefeld erstmals der Vorhang für Roland Hüves Inszenierung des Frank Wildhorn-Musicals „The Scarlet Pimpernel“ (Frank Wildhorn - Musik, Kim Scharnberg - Orchestrierung, Nan Knighton - Buch und Gesangstexte, Wolfgang Adenberg - Deutsch). Basierend auf Baroness Emmuska Orczys Roman „Scarlet Pimpernel oder Das scharlachrote Siegel“ erzählt es in komödiantischer Form die Geschichte des britischen Aristokraten Percy, der seine Freunde mobilisiert, um mit ihnen auf intellektuelle Art gegen Unrecht und Verfolgung im Frankreich zur Zeit der Revolution zu kämpfen - eine brisante Angelegenheit, denn seine frisch Angetraute ist Französin und hat ein Geheimnis...

 Eröffnungsszene mit Karin Seyfried (Mitte)  als Marguerite in ihrer letzten Rolle vor der Hochzeit und Mitgliedern  von PartsS - Performing Arts Studio, Bielefeld als Cupidos

Die mit viel Humor gespickte Geschichte ist schon von Grund auf nicht allzu realistisch angelegt. Dessen bedient sich die Bielefelder Produktion (Regie: Roland Hüve, Dramaturgie: Jón Phillipp von Linden) und betont den fiktiven Charakter mit Slapstick-Elementen. So wird zum Beispiel mit einem Baguettebrot gegen einen Degen gefochten. Wirklich witzig ist die Darstellung der Schiffsüberfahrt in der „Mitten ins Feuer“-Szene. Wo sonst hat man schon einmal einen von Percys Freunden in Frauenkleidung als Gallionsfigur am imaginären Schiffsbug - das Schiff wird von den Künstlern dargestellt - gesehen?

 

Die Bühne (Christof Cremer) bekräftigt mit ihren multifunktionalen, plakativen Elementen den Eindruck, dass die „Scarlet Pimpernel“-Handlung nicht möglichst lebendig und real erscheinen soll. Eine Blumensäule, die gleichzeitig als überdimensionaler Stempel dient, eine flache Krone mit integrierter Kommode, ein Rednerpult, das hinter einer zweidimensionalen Jakobinermütze verborgen ist sowie ein Portal in Form einer Hochzeitstorte gehören zu den Bühnenelementen. Diese Ausstattung erinnert an einen alten Low Budget-Film, an die statischen Illustrationen eines Buchs oder gar an einen Comic. In diesem Stil ist es nur konsequent, wenn zu guter Letzt ein Transparent mit der Aufschrift Von links: Ben (Sebastian Teichner), Dewhurst  (Lutz Laible), Farleigh (Carlos Horacio Rivas), Percy (Veit  Schäfermeier), Armand St. Just (Dirk Mestmacher), Hal (Krzysztof  Gornowicz), Ozzy (Alexander Janacek) und Elton (Christian T. Müller)„Happy End“ erscheint. Auch das Lichtdesign mit seinen klaren, knalligen Farben betont das Konzept der Produktion.

 

Sicher, solch einen Ansatz kann man wählen, es bleibt dabei jedoch auch einiges auf der Strecke, vor allem die Möglichkeit des Zuschauers, sich wirklich in die Geschichte hinein zu versetzen. Dazu fehlt es an Tiefe und Facettenreichtum. Das betrifft sowohl die Optik, als auch die Charakterzeichnung einiger Figuren. Mit der vorhandenen Technik hätte man in Bielefeld mannigfaltige elegante Möglichkeiten gehabt, doch wo technische Hilfsmittel spärlich eingesetzt werden, da wirken sie sich eher kontraproduktiv aus: Die Sperrholzrückseiten nicht allzu standfester, recht abstrakter „Hecken“ (von denen in der Premiere prompt eine umkippte) werden auf der Drehbühne sichtbar. Sollte auch dies ein gezielt eingesetztes Stilmittel sein? - Wie es dann Auf der Jagd nach dem Scarlet Pimpernel:  Chauvelin (Alexander Franzen)in der Aufführung tatsächlich wirkte, war schlicht plump. Ein weiteres Beispiel ist die Zugbrücke, die bei „Sie war da“ recht unmotiviert zum Einsatz kommt und gerade dann, wenn das Lied zu seinem Höhepunkt kommt, schon wieder herabgelassen wird.

 

Optisch sehr ordentlich sind die Kostüme (ebenfalls von Christof Cremer). Sie verbreiten die Stimmung der Epoche, sind dabei jedoch auch klare Ausdrucksmittel des Inszenierungsstils. So ist die gesamte Hochzeitsgesellschaft hell gekleidet, und Percys Freunde tragen gedeckte Farben, die sie klar als Gruppe kennzeichnen.

 

Auf der Haben-Seite der Produktion befindet sich die Choreografie von Jochen Schmidtke vor allem mit der ausgeklügelten Ballszene zu Beginn des zweiten Aktes.

 

Musikalischer Leiter der Produktion, die sich in Liedauswahl und -reihenfolge an die wohl offizielle deutsche Fassung hält, ist William Ward Murta. Unter seinem Dirigat gab es an der Interpretation durch die Bielefelder Philharmoniker kaum etwas auszusetzen. Auch der Chor (Einstudierung: Hagen Enke) steuerte gekonnt seinen Teil zum Klangbild bei. Was Solisten sowie Sound betrifft, war das Hörvergnügen in der Premierenvorstellung nicht ungetrübt. Am Mischpult unterliefen zu viele Fehler.  

 

Percy inkognito: Marguerite (Karin Seyfried)  und ihr Mann (Veit Schäfermeier)Zur Besetzung der drei herausragendsten Rollen im Stück:

In der Titelrolle tritt Veit Schäfermeier auf und beweist damit einmal mehr seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit, die man ihm nur immer wieder attestieren kann. Gesanglich meistert er seine Aufgabe tadellos; schauspielerisch kommt ihm sein komödiantisches Talent zu Gute. Dabei schafft er die Gratwanderung mit Gespür fürs richtige Timing komisch zu wirken, ohne aber über das Ziel hinaus zu schießen und ins Lächerliche abzudriften.

 

Karin Seyfried ist in der weiblichen Hauptrolle der Marguerite St. Just zu sehen. Am Premierenabend wurde vorab um Nachsicht gebeten, falls ihre Stimme krankheitsbedingt nicht in Höchstform sei. Mit viel Mikrofonverstärkung hielt sie tapfer durch. Die Marguerite bringt Karin Seyfried als eine recht forsche Frau auf die Bühne, die notfalls auch zur Waffe greift.

 

Nicht ganz unproblematisch besetzt ist die Rolle des Chauvelin mit Alexander Franzen. (Chauvelin wird in dieser Chauvelin (Alexander Franzen, re.) in den  Gossen FrankreichsInszenierung von Percy übrigens wiederholt als „Chauvi-leng“ bezeichnet, eine witzige Anspielung auf Chauvelins Wesen; der Gag nutzt sich bei Dauergebrauch jedoch ab.) Chauvelin wirkt in der Bielefelder Version schlicht unsympathisch, ohne dass sein Darsteller die Motivation der Figur ausreichend vermitteln kann. Von der Regie wird Franzen bei seinem großen Solo „Falke auf der Jagd“ weitestgehend im Stich gelassen, muss er das Lied doch auf einer komplett leeren Bühne singen. Diese mit charismatischer Präsenz zu füllen gelingt dem Künstler kaum. Hier wie auch bei Wildhorns an sich wunderschöner Ballade „Das Mädchen von früher“ fiel er am Premierenabend zudem durch seine Phrasierung (Akzentuierung kurz vor dem Taktschlag) unangenehm auf. Lange Endtöne hielt er in seiner Interpretation nicht. - Im deutschsprachigen Raum hat man zwar schon technisch Schlechteres bei „The Scarlet Pimpernel“ erlebt, aber in der Bielefelder Premiere klang wohl leider kein großes Chauvelin-Solo - Zitat - „so, wie es gesungen werden sollte“.

 

Die weiteren Darsteller sowie die Tänzerinnen von PartS (Performing Arts Studio, Bielefeld) lieferten am vergangenen Samstag eine durchgängig ordentliche Leistung ab, bei der niemand besonders positiv oder negativ hervorstach.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Besuch von „The Scarlet Pimpernel“ am Stadttheater Bielefeld besonders lohnenswert für jemanden ist, der das Musical noch nie gesehen hat. Musicalfreunde, die auch andere Inszenierungen kennen, werden - trotz eines hervorragenden Hauptdarstellers - vermutlich nicht so leicht komplett zu begeistern sein. Die Aufnahme dieses beliebten Frank Wildhorn-Musicals in den Spielplan verdient bei aller Kritik an sich schon ein Lob.

Claudia Bauer-Püschel

(10.03.2010)

 

„Mitten ins Feuer“: Szene mit Sebastian Teichner, Lutz Laible, Alexander Janacek, Dirk Mestmacher, Veit Schäfermeier, Christian T. Müller, Carlos Horacio Rivas und Krzysztof Gornowicz (v.l.n.r.)Von links nach rechts: Percy (Veit Schäfermeier), Chauvelin (Alexander Franzen) und Marguerite (Karin Seyfried)Ende des 1. Akts: Veit Schäfermeier (li.), Karin Seyfried, Alexander Franzen & EnsembleDas Bielefelder „Scarlet Pimpernel“-EnsembleBallszene mit Karin Seyfried, Veit Schäfermeier & EnsembleFesttagsgesellschaft: In der Mitte Karin Seyfried als Marguerite St. Just & EnsembleTreffen auf der Brücke: Sir Percival Blakeney alias Scarlet Pimpernel (Veit Schäfermeier) und Chauvelin (Alexander Franzen, re.)Percy & Freunde (v.l.): Elton (Christian T. Müller), Farleigh (Carlos Horacio Rivas), Percy (Veit Schäfermeier), Ozzy (Alexander Janacek), Marie Grosholtz (Sarah Kuffner), Dewhurst (Lutz Laible), Hal (Krzysztof Gornowicz) und Ben (Sebastian Teichner)Im Gefecht: Marguerite (Karin Seyfried) und Chauvelin (Alexander Franzen)